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Corel Ventura: Workshops

21.9.2000 Diese Seite drucken  Diese Seite per E-Mail empfehlen

Der vertikale Keil

Der Ursprung dieses Begriffes geht, wie vieles im Schriftsatz, auf die Anfange der Buchdruckerkunst zurück: Damit die letzte Zeile einer Seite bzw. einer Spalte immer auf dem unteren Rand der Seite steht, wurden kleine Holzkeile zwischen bestimmte Absätze oder um Bilder eingesetzt, die, je nach Bedarf den Abstand vergrößerten. Alle nachfolgenden Zeilen wurden dadurch weiter nach unten verschoben, bis sie am unteren Holzrahmen anstießen.

In den Anfängen der computergestützten Druckvorlagenherstellung war die Implementierung des vertikalen Keils in die damaligen Satzprogramme der Druckereien eine Pflicht für die Softwarehersteller. Im heutigen Zeitalter des DTP, in dem alles möglich sein sollte, ist dies jedoch unverständlicher Weise in Vergessenheit geraten. Selbst in Neuentwicklungen, wie InDesign(r) fehlt diese für viele unverzichtbare Funktion.
EDV-mäßig wurde sehr bald der Begriff "vertikaler Keil" in "vertikaler Blocksatz" umbenannt, auch im Ventura. Analog zum Absatzformat "Blocksatz", in dem zwischen jedem Wort ein Zwischenraum eingefügt wird, fügt auch der "vertikale Blocksatz" zwischen jedem Absatz bzw. Zeile. Der vertikale Keil kann aber, analog zur Entstehungsgeschichte mehr: Er wirkt sich nur auf bestimmte Absätze aus.

Während jedoch viele DTP-Programme (z.B. QuarkXPress(r)) zurecht die abgespeckte Version als "Blocksatz" benennen, müsste er im Ventura weiterhin "vertikaler Keil" heißen, denn er ist darin seinen Mitbewerbern weit überlegen.

Licht und Schatten

So trivial, wie in der Einleitung beschrieben, ist diese Funktion jedoch nicht. Und in Kombination mit Spaltenausgleich, gedrehten Bildern, Tabellen, Absatzverbindungen und Trennalgorhythmen können nicht nur Menschen durcheinander kommen, auch DTP-Programme versagen dann. Den vertikalen Keil für eine Zeitschriftenseite einzustellen, kann da zu einer langwierigen "Fummelei" werden, die sich nur rechnet, wenn man dieses Layout für viele weiteren Projekte mit vielen Änderungen benutzt. Und selbst dann kann es vorkommen, dass der Ventura "störrisch" die ein oder andere Seite fehlerhaft setzt.
Aber in nicht wenigen Fällen funktioniert er ganz ausgezeichnet und in diesem ersten Teil des Artikels soll nicht von Problemen die Rede sein.

Beispiel 1: Der Roman

Das Setzen eines Romans, also ein einspaltiger Text ohne Überschriften, Hurenkind- und Schusterjungen-Reglung (Begriffserklärung im Hilfetext vom Ventura), gelingt auf den meisten Seiten automatisch so, dass die letzte Zeile einer Seite standgenau mit der vorherigen oder nächsten ist. Mit Hurenkind- und Schusterjungen-Reglung kann jedoch hin und wieder schon die erste Ungenauigkeit entstehen:

Die letzte Zeile endet eine oder mehrere Zeilen höher, als auf den anderen Seiten (siehe rechte Seite). Viele helfen sich, indem sie einen leeren Absatz auf dieser Seite einfügen, der die nachfolgenden Zeilen um eine Zeile nach unten verschiebt (siehe mittlere Seite). Das erinnert an die Eingangs erwähnten Holzkeile der Buchdrucker.
Diese Arbeit kann der Ventura jedoch automatisch erledigen, in dem er den notwendigen Abstand zwischen den Absätzen einfügt. Da der Roman nur aus einem Absatzstil, dem Fließtext, besteht, soll vorab zum besseren Verständnis noch ein zweites Beispiel mit mehreren Absatzstilen vorgestellt werden.

Beispiel 2: Adressenliste

Eine mehrspaltige Adressenliste soll wie rechts zu sehen formatiert werden. Der Firmenname ist mit dem Stil "Firma" belegt und die Adressen-Angaben mit dem Stil "Adresse". Fließt nun der Text in das Layout ein, werden jedoch die Adressen mitunter am Seiten- und Spaltenende auseinandergerissen.
Damit dies nicht geschieht, wird im Absatzstil "Adresse" unter der Rubrik Umbruch die Option "Verbindung mit vorherigem Absatz" ausgewählt. Warum so? Würde man "Firma" mit dem nächstem Absatz verbinden, hängt zwar der Geschäftsführer an der Firma, die Strasse würde jedoch getrennt. Und würde man die "Adresse" mit dem nächsten Absatz verbinden, könnte die E-Mail an der nachfolgenden Firma "hängen", was auch nicht erwünscht ist.

Den Umbruch haben wir nun in den Griff  bekommen (siehe rechts), jedoch fehlt nun der vertikale Keil, damit die letzten Zeilen unten "auf Stand" sind. Wie erwähnt, besitzen einige DTP-Programme die Funktion "vertikaler Blocksatz" in einer "billigen" Variante, denn dieser fügt zwischen jede Zeile einen kleinen Abstand ein, bis die letzte Zeile unten anstößt. In unserem Beispiel allerdings würde dies sehr unschön aussehen, weil auch die Zeilen der Adresse "gedehnt" würde. Besser wäre es, wenn nur vor dem Firmennamen ein Abstand eingefügt würde, die Adressen jedoch den vorgegebenen Zeilenabstand beibehalten könnten. Das bedeutet, ein echter vertikaler Keil darf sich nur auf bestimmte Absätze resp. Stile auswirken, und nicht auf alle Absätze/Stile.
Weiterhin kann es auch Seiten und Rahmen geben, auf denen und in denen der vertikale Keil nicht angewendet werden soll, er ist also auch Rahmen und Seitenabhängig. Und schließlich muss auch festgelegt werden können, wie viel Platz um einen Absatz maximal eingefügt werden darf, denn irgendwann ist der Raum so groß, dass es nicht mehr typografisch gut aussieht.


Sie sehen, ein einfaches Einschalten eines vertikalen Keils durch ein Klick und fertig, würde die komplexen Anforderungen bei weitem nicht erfüllen.
Das Einschalten des vertikalen Keils geht daher im Ventura der in zwei Schritten vor sich:

  1. Aktivieren des vertikalen Blocksatzes innerhalb von Rahmen
    Dies gilt immer für Rahmen, da nur in diesen ein Text laufen kann. Sie können also auch nur in einzelnen Rahmen (auch Seiten sind Rahmen) den vertikalen Blocksatz aktivieren. Da Rahmen standardmäßig die typografischen Einstellungen vom Kapitel übernehmen, kann also auch dort der vertikale Blocksatz eingestellt werden. In den Einstellungen aller Seitenrahmen und freien Rahmen werden diese Kapiteleinstellungen als Begriff "Standard" angezeigt (siehe Bild rechts). Wenn also nicht nur in einem einzelnen Rahmen der vertikale Keil genutzt werden soll, ist dringend zu empfehlen, die Einstellungen für das Kapitel zu definieren, das erspart sehr viel Arbeit.
    Abweichend davon kann aber jeder Rahmen separat eingestellt werden.

  2. Zuweisen des vertikalen Blocksatzes für bestimmte Absätze und Rahmen
    Da ein professione ller vertikaler Keil nur bei ausgewählten Elementen angewendet wird, muß es daher in den Absatzstilen, Tabellen und freien Rahmen (z.B. Bilder) einzeln möglich sein, bis zu welchem Maße Raum um diese Elemente eingefügt werden soll (bis das Layout "zerstört" würde).

Nachfolgend werden wir uns mit zwei Übungen in einfachen Schritten dem vertikalen Keil nähern.

Erste Übung: Der Roman-Satz

In der ersten Übung gehen wir wie folgt vor:

A: Erstellen einer Beispieldatei "Roman"
B: Globale Aktivierung des vertikalen Blocksatzes
C: Zuweisen des vertikalen Keils auf einen bestimmten Absatz

A: Zuerst wollen wir also den Roman-Satz in den Griff bekommen.

  1. Legen Sie dazu am besten ein DIN-A6 Dokument an (damit Sie viele Seiten erhalten) und lassen Sie einen Text (z.B. unseren Blindtext) einfließen.
  2. Formatieren Sie ihn komplett als Body Text. Die Absatzabstände "vor und nach" stellen Sie auf 0 ein.
  3. Lassen Sie sich mehrere Seiten anzeigen (Bild links), damit Sie die Veränderungen besser sehen können.

Hoffentlich sehen Sie nun einige "Fehler", wenn nicht, haben Sie eventuell die Hurenkind- und Schusterjungenregelung nicht aktiviert (Kapiteleigenschaft-Typografie) oder konstruieren Sie welche...;-)

B: Da die Seiten standardmäßig die Typografie-Einstellungen aus der Kapiteleigenschaft übernehmen, stellen wir also in der Kapiteleigenschaft unter Typografie den vertikalen Blocksatz ein.

  1. Wählen Sie unter "Innerhalb von Rahmen/Seite" die Option Kardieren. Dies bedeutet, dass nur Vielfache der Zeilenabstände später eingefügt werden. Dadurch wird ein Zeilenversatz vermieden.
  2. Unter "Maximale Ausrichtung" geben Sie den Wert 200% an, damit maximal nur 2 Zeilen Abstand eingefügt würden. Die Feinjustage wird gleich in der Absatzeinstellung vorgenommen.
  3. Klicken Sie auf OK.

C: Noch sehen Sie keinen Unterschied. Wir haben nur den Ventura "bereit gemacht" für den vertikalen Keil. Wie oben schon erwähnt, muß für einen professionellen vertikalen Blocksatz jeder Absatzstil einzeln für den vertikalen Keil aktiviert werden.

  1. Da unser Roman nur aus Body Text besteht gehen Sie nun in der Absatzeigenschaft (rechte Maustaste) in die Rubrik Typografie und tragen unter "maximal oberhalb" 30 Punkt ein. Da wir Kardieren in den Kapiteleigenschaften festgelegt haben, wird dieser ungenaue Wert vom Ventura ignoriert, denn bei einem Zeilenabstand von 14 Punkt würde als nächster Schritt 28 Punkt-Abstand folgen, aber niemals 30 Punkt.
  2. Klicken Sie auf "Stil aktualisieren"

Jetzt müssten die Fehler korrigiert worden sein und alle Seiten unten "auf Stand" enden.

Zweite Übung: Die Adressenliste

Wie in der ersten Übung gehen wir wie folgt vor:

A: Erstellen einer Beispieldatei "Adresenliste"
B: Globale Aktivierung des vertikalen Blocksatzes
C: Zuweisen des vertikalen Keils auf einen bestimmten Absatz

A: Erstellen wir als erstes eine Adressenliste

  1. Definieren S ie den Default-Seitenstil als Zwei-Spalter 
  2. Schreiben Sie wie im Bild nebenstehend eine Adresse auf.
  3. Formatieren Sie den Firmennamen mit dem Stil "Firma", die anderen Absätze mit "Adresse"
  4. Markieren Sie alles, kopieren Sie es (Strg+C) und fügen Sie es hinter der Adresse wieder ein (Strg+V).
  5. Wiederholen sie dies so 20 bis 30 Mal
  6. Sorgen Sie nun für Unregelmäßigkeiten, in dem Sie willkürlich bei einigen Adressen die Zeilen mit der E-Mail-Adresse und/oder der Faxnummer löschen. Dadurch erhalten wir eine realistische unregelmäßige Adressenliste.
  7. Bis jetzt werden jedoch die Adressen mitunter am Seiten- und Spaltenende auseinandergerissen. Damit dies nicht geschieht, wird im Absatzstil "Adresse" unter der Rubrik Umbruch die Option "Verbindung mit vorherigem Absatz" ausgewählt.

B: Da die Seiten standardmäßig die Typografie-Einstellungen aus der Kapiteleigenschaft übernehmen, stellen wir also, wie oben, in der Kapiteleigenschaft unter Typografie den vertikalen Blocksatz ein.

  1. Wählen Sie unter "Innerhalb von Rahmen/Seite" die Option "Farbverlauf". (Da scheint wohl den Übersetzern ein dicker Fehler unterlaufen zu sein. "Farbverlauf" ist sicherlich das falsche Wort, gemeint ist wohl eher ein Begriff wie "variabel".)
    Dies bedeutet, dass nur nicht nur ganze Vielfache der Zeilenabstände eingefügt werden, wie bei "Kardieren", sondern auch Bruchteile dessen. Dadurch entsteht jedoch ein Zeilenversatz bei gegenüberliegenden Spalten. Andererseits ist der Abstand harmonischer.
  2. Unter "Maximale Ausrichtung" geben Sie den Wert 500% an, damit, wenn nötig, viel Raum eingefügt würde. Die Feinjustage wird gleich in der Absatzeinstellung vorgenommen.
  3. Klicken Sie auf OK.

C: Noch sehen Sie keinen Unterschied. Wie oben schon erwähnt, muß für einen professionellen vertikalen Blocksatz jeder Absatzstil einzeln für den vertikalen Keil aktiviert werden.

  1. Da unsere Adressliste nur aus am Stil "Firma" justiert werden soll, gehen Sie nun in der Absatzeigenschaft (rechte Maustaste) von "Firma" in die Rubrik Typografie und tragen unter "maximal oberhalb" 30 Punkt ein. Da wir Farbverlauf in den Kapiteleigenschaften festgelegt haben, wird dieser Wert vom Ventura auch bis 30 Punkt genutzt.
  2. Klicken Sie auf "Stil aktualisieren"

Jetzt müssten die Fehler korrigiert worden sein und alle Seiten unten "auf Stand" enden:

Im Unterschied zum Kardieren sehen Sie, das bei Farbverlauf die Zeilen tatsächlich bis auf die untere Spaltenhilfslinie stoßen (Ansicht-Spaltenhilfslinien). Wäre zusätzlich ein "normaler" Fließtext in unserer Publikation vorhanden, würde dieser jedoch nur dann auch bis zur unteren Hilfslinie laufen, wenn die komplette Höhe der Spalte ein Vielfaches des Zeilenabstands des Fließtextes wäre. Ansonsten würden unsere Adressen tiefer reichen als der übrige Text. Achten Sie also darauf, dass Sie bei hochwertigen Layouts die Randeinstellungen so wählen, das der bedruckbare Raum ein Vielfaches des Zeilenabstands des Fließtextes ist.
Oder anders gesagt: Die Spaltenhilfslinie muss dem Grundlinie nraster entsprechen.

Dieser Artikel wird später mit dem zweiten Teil fortgesetzt.

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